Rezension von Dr. Sebastian Lambertz zu „Die bewaffnete Wahrheit“
Dr. Sebastian Lambertz – Deutsche Gesellschaft für Osteuropakunde (Berlin, 22.07.2026)
Ein wichtiges Buch für alle, die verstanden haben, dass unsere Demokratie auch im Informationsraum verteidigt werden muss.
Schon länger richtet sich der Blick deutscher Medienschaffender und Kommunikationsexpert*innen nach Osten. Dort zeigt sich, wie die Medienlandschaft Europas in Zukunft aussehen könnte. Unabhängige Onlinemedien mit innovativen Finanzierungsmodellen, Plattformen, die von Exil-Journalist*innen betrieben werden, und ein breites Spektrum digitaler Formate bieten Inspirationen, die mediale Landkarte im Angesicht der digitalen Beschleunigung weiterzuentwickeln.
Insbesondere die Ukraine ragt dabei hervor. Der politische und gesellschaftliche Transformationsprozess, in dem sich das Land seit der Unabhängigkeit von 1991 befindet, macht auch vor den Medien nicht halt. Seit der Annexion der Krim und der russischen Vollinvasion 2022 hat sich dieser Prozess noch einmal beschleunigt. Dem stetigen Druck systematischer Desinformation und Propaganda durch Russland ausgesetzt, hat das Land bemerkenswerte Mechanismen im Umgang mit dieser Bedrohung entwickelt. Hier lohnt ein genauerer Blick, denn auch in Deutschland sind wir wiederholt russischer Desinformation ausgesetzt.
Wer sich genauer mit dieser Thematik befassen möchte, sollte „Die bewaffnete Wahrheit“ lesen, denn das Buch liefert erstmals einen umfassenden Einblick in den ukrainischen Kampf im Informationskrieg. Beginnend mit der Unabhängigkeit des Landes 1991 zeichnen die Autor*innen die ukrainische Mediengeschichte bis in die Gegenwart nach. Russische Desinformationspraktiken spielen dabei eine zentrale Rolle. Versuche, eine evidenzbasierte Kommunikation zu verhindern oder zumindest zu stören, sollen demokratische Diskurse unterminieren sowie staatliche und journalistische Institutionen delegitimieren. Für die Ukraine geht es somit nicht nur um die Hoheit im Informationsraum, sondern um die Zukunft der Demokratie im Land.
Die ukrainischen Strategien im Kampf gegen Desinformation sind somit keine rein theoretischen Konzepte, sondern haben sich in der direkten Auseinandersetzung bewährt. „Die bewaffnete Wahrheit“ nimmt diese Strategien in den Blick und stellt dabei besonders die Zeit ab 2014 in den Mittelpunkt. Die Autor*innen machen deutlich, wie russische Desinformation die Annexion der Krim und den Krieg im Donbass vorbereitet und begleitet hat und somit Teil eines Krieges ist, der nicht mehr nur militärisch, sondern vor allem hybrid geführt wird. Dies gilt auch und insbesondere für die Vollinvasion im Jahr 2022.
Einblicke in russische Strategien und Kampagnen sowie bewährte Mittel dagegen sind von unschätzbarem Wert, wenn es darum geht, unsere eigene Demokratie zu schützen. Daher sei die Lektüre von „Die bewaffnete Wahrheit“ all jenen ans Herz gelegt, die sich mit den zunehmenden Verwerfungen im Informationsraum befassen, denn das Buch liefert nicht nur eine umfassende Darstellung der ukrainischen Medienlandschaft und -geschichte. Wichtiger noch sind die Erkenntnisse, die die Autor*innen daraus ableiten. Sie bleiben dabei nicht bei der Analyse ukrainischer Strategien stehen, sondern diskutieren darüber hinaus konkrete Fallbeispiele und Strategien, die sich aus dem Umgang der Ukraine mit russischer Desinformation auf Europa übertragen lassen.